Wenn Demokratie Angst machen soll

Wenn Demokratie Angst machen soll

—

Man muss sich diese Tage schon wundern, was so alles geschrieben und behauptet wird.

Noch nie in meinem Leben, und das ist nun auch schon ein knappes halbes Jahrhundert, habe ich erlebt, dass man so konzertiert an der Wahrheit vorbei etwas behauptet und -so scheints- niemand daran ernsten Anstoß nimmt. Würde man es nicht besser wissen, also Dummheit, müsste man fast glauben, es wäre eine russische PsyOps-Aktion, so einig sind sich die Meldungen, von denen doch dann niemand gewusst haben will, woher sie kommen.

Ich rede von den Protesten, die aus Frankreich auf ganz Europa überschwappen und Geschäftsleute bis Regierungen in blanke Panik versetzen. Wer den Film „The Crow“ gesehen hat, ich vermute mal, den hat man letzthin beim Filmabend im Außenministerium gezeigt, weiß, dass es zu Halloween um alles geht.

Anders ist es nicht zu erklären, dass das Außenministerium einen Zirkularbescheid an alle Botschaften gehen hat lassen, dass man doch Autos bitte möglichst nicht in der Stadt parken sollte, weil es sonst die Gefahr gäbe, dass diese im Zuge der erwarteten Ausschreitungen zu Schaden kommen könnten. Man hat darauf kopfkratzend reagiert. Passiert ist aber nichts.

4 Teenies hatten im Internet was geschrieben. Das ist passiert. Dann kam die WEGA angerast und hat denen die Bude auf den Kopf gestellt. Der Staat war bedroht. Glauben muss man’s halt.

Und auch in anderen Ländern, vor allem Deutschland, ist die Panik groß. Da gehen Zigtausende auf die Straße, um für bessere Schulen, mehr Lohn und mehr Beteiligung zu demonstrieren. Alles friedlich. Man müsste meinen, da wäre die Regierung stolz drauf, dass die Demokratie so in den Herzen vor allem der jungen Menschen angekommen ist, aber das Gegenteil ist der Fall. Da wird herzhaft in die Leute geknüppelt, die Augen verpestet und das Blut wischt der Wasserwerfer weg. Da ist es mit den Werten auf einmal gar nicht mehr so weit her.

—

Aber woher die ganze Panik?

Und an der Stelle wird es, wie der Engländer sagt, jittery.

Man kann natürlich unterstellen, dass diese Mitte-Rechts Klamauken gern mal den harten raushängen lassen. Der Meute mal wieder zeigen, wer hier das Sagen hat, aber ich fürchte so einfach ist es nicht. Wer sich die Diskussionen im Netz ein wenig anschaut, bekommt ein anderes Bild. Da wird es sehr vielen unter 30 sehr klar, dass sie zwei Dinge wohl niemals haben werden: Einen sicheren Arbeitsplatz und ein eigenes Haus. Ersteres breslt grade die KI zu Staub, zweiteres erhebt sich in unleistbarste Phantasien. Wer nicht erbt, hat nur noch das Hamsterrad. Und damit sind so manche nicht zufrieden. Und da hat noch niemand Klimakrise oder Artensterben gesagt. Ganz zu schweigen von den Kriegen, die sich immer mehr und mehr auszuweiten scheinen, anstatt dass sich die Großkopfadn da mal zamsetzn und wirklich was für ihr Geld tun. Kurzum: Man ist unzufrieden und zeigt das auch – zu Recht.

Das, liebe Herrschaften, und das muss man nur ganz selten gendern, ist Demokratie.

Und davor hat man irrsinnige Angst.

Daher verwundert es auch nicht, dass aus den Ausschreitungen in Frankreich, die nicht immer schön waren, aber nun auch nicht gerade staatsgefährdend, in Deutschland und Österreich der Weltuntergang wird. Etwas überraschend ist, wie sehr sich die Presse da mit den Regierenden einig ist.

In Deutschland haben Nobel-Shops ihre Fassaden vernagelt, sogar ein Optiker hat sich hinter Holzspan verschanzt, um sich von denen da draußen sich nicht ins Gleitsichtbrillengeschäft dreinpfuschen zu lassen. In Wien werden Autos umgeparkt, es wird wild herumgefragt, weiß wer was? Was kommt da? Und nichts kam da. Gar nichts. In Deutschland wurde ein Polizist verletzt. Das ganze Bahö, um eines klar zu machen:

Wenn Teenies ihr Recht auf Demokratie auch gebrauchen, dann ist aber Feuer am Dach! Dann kommt der Boomer mit dem Kastenwagen und vernagelt die Innenstädte. Und die Wirtschaftskammer, die richtet eine Notfall-Hotline ein und informiert sicherheitshalber mal alle Selbstständigen in diesem Land, wohlfeil versichernd, wenn dir wer die Scheibe einhaut, wir helfen. Womit? Bei was? Die Leute sollen Angst haben. Sie sollen eine Unvereinbarkeit zwischen Demokratie, dem Recht auf Protest, und dem Geschäft sehen. Und man erklärt sich nicht. Niemand soll wissen, wer hier die Befehle gibt.

Wäre ich in der parlamentarischen Opposition, ich hätte ja Fragen. An die Beate zum Beispiel. Oder den Gerhard, unseren feschen Innenminister. Aber das ist dann eine andere Geschichte.

Nichts ist passiert. Bitte weitergehen.
Nur ein bisschen an der Demokratie rumgeschliffen.

—

desertrold, 1.11.2026
Credits: AlonsoEspinoza / deviantart CC-BY-NC-ND 3.0

Was denkst du?